Nuschelnde Träume

Tja, mein Freund, es läuft nicht alles perfekt an der Hippiefront. Und glatt ist einzig das Eis, das gehwegweit das pure Gehen zum Abenteuer verkommen lässt. Ich laufe zum Trotz, notfalls stundenlang um den See rum. Da liegt der Schnee tief genug, dass Vereisen nicht zur Debatte steht. Und das Weiß strahlt, duldet keine andere Farbe neben sich, schluckt jedes Geräusch, auch das unbewusst verursachte und sammelt fast schon pedantisch Spur und Spur.

Abends dann friert es mich, statt den Boden unter meinen Füßen, und zwar wider jedes Erbarmen, mit Venenzittern und Eisblumen zwischen den Wimpern. Erst im Schlaf, unter wildwestromantischen Deckenpanoramen taut erst die linke, dann auch die rechte Körperhälfte. Nur die Zehen verweigern sich bis zum Morgengrauen.

Vor dem Grauen aber bleibt reichlich Zeit für Traumversuche. Zu postmodernen Quilts gesteppte Gefühlsmomente, so flüchtig, wie ich mir das Eis unter meinen Sportschuhen wünschte, so lasziv, wie es das Leben zuweilen gern wäre. Durchblutungsfördernd, wenn auch für den nächsten Tag nicht mehr als ein verführerisch nuschelnder Schatten

Der Farben müde

Er schlägt die Augen auch dann zu, wenn keiner es hört. Mehr hören mag. Auf seinen Reisen gen Osten waren es oft diese Augen, die nicht, oder nur ungern, mit wollten. Stattdessen wurden Wimpernleiden vorgeschoben, oder allzu minderwertiges Lichtwerk beklagt. Und dann wurde ersteinmal ausgiebig genächtigt.

Dieser Tage, in denen wir alle von sonnenindizierten, schweißgebadeten Farbreflexen träumen, sehnt er sich nach Farbverlust, dem möglichst absoluten. Das Grün ist ihm fremd geworden, dieses ewig auf Gesundheit drängende, keimfrei wuchernde. Auch das Gelb, ob nun eher orangefarben oder grünlich-giftig auftretende, stört ihn zunehmend. Er hasst rot.

Er weint viel in diesen Tagen, wenn auch meist tränenlos und ausschließlich geschlossenen Lids. Mindestens einmal täglich konsultiert er den chronisch gähnend leeren Briefkasten, zwei Treppenabsätze tiefer und entsorgt den sich regelmäßig ansammelnden Staub aus den Zimmerecken nahe der Heizkörper. Freut sich an Schnee und Kälte, vom Fenster aus beobachtet.

Viel Wut, wenig Boden

Gründeln im flaschengrünen Bereich. Man verzeihe die Sehnsucht nach den Lauten des Portugiesischen, dieses zart-raue, erdig-flüchtige, diese Krachmandel-aromatischen Schnalzlaute. Wunsch nach gnädigem Gefühl macht sich breit, nach konjunktivloser Wohligkeit nach Rätsellösung und Lustgewinn.

Im Hier und Jetzt: Berlin. Stadt der Fashionistas und Diplomaten, der Biologisch-Wertvollen und der digitalen Freimauerer. Wohlfühlort, auch mir. Auch mir: genussverzehrendes Ungetüm, trotzig-widerhäkelnde Klette. Im Hier und Jetzt auch: Zwischenraum ohne Nutzungsplan, viel Wut, wenig Boden. Noch mehr Angst.

Denn ranzig nicht nur das Gesicht, das sich von Arzt zu Arzt mit weniger Lächeln schleppt, ranzig auch der Mut, der, vom Herz erst in die Kniekehlen, mittlerweile nahe des Fußpilzes gerutscht ist. Der Schmerz lässt und lässt und lässt nicht nach und der Morgen, die Zukunft, das Leben danach, wie immer man es auch nennen will: es will nicht dämmern.



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