Archiv für Mai 2007

Faltenwurf

Als sie die Scheidung einreichte, war ihr sein Antlitz unbekannt, seine Stimme fremd. Seine Schrift nicht weniger ein Rätsel, das zu lösen sie sich nicht einmal vorgenommen hatte. Und auch seine Schuhgröße, schon eher ein Faszinosum, war die mitunter langen Jahre ihrer Ehe ebenso unerfragt geblieben. Sie kannte den Rhythmus seines Atems und den Duktus seiner Berührungen. Und sie wusste mit Bestimmtheit zu sagen, dass sein rechter kleiner Finger am salzigsten schmeckte. Da kam auch sein linker Ringfinger nicht heran, dafür kannte dieser wie kein anderer die Mulden nördlich ihrer Schlüsselbeine und wusste sein Wissen jederzeit gewinnbringend einzusetzen.

Sie hatte lange gewartet auf den Bissen Sonne, den Teelöffel Licht, auf ein Zähneknirschen fast ebenso stark wie auf ein Lied, die ihr seine Zehen jedes Jahr zu Weihnachten in Form von Gutscheinen feierlich überreichten. Die spießte sie seit jeher an Dreikönig auf Präpariernadeln, welche auf dem Fensterbrett unter dem Drachenbaum aufgereiht wurden. Die Nadeln waren ein Andenken ihres Lieblingsopas, das langsam aber sicher zur Neige ging. Genau zwei Stück befanden sich noch in der kleinen abgegriffenen Papierpackung, die sie nach Entnahme hinten, noch hinter den Heftklammern, in der zweitobersten Schreibtischschublade verstaute.

Der Entschluss zur Scheidung aber war im Hochsommer gefallen, nicht etwa der Sentimentalität zwischen den Jahren anlastbar, darauf hatte sie Acht gehabt. Sie ging davon aus, bis auf besagte Finger wenig zu vermissen. Sie ahnte, in Zukunft häufiger auf Salat- oder Mohnreste zwischen den Zähnen angesprochen oder wegen verschiedenfarbiger Socken belächelt zu werden. Aber sie war Lächerlichkeit gewohnt und für Stunden unbemerkten Grimmassierens und Gähnens erschien ihr der Preis allemal angemessen. Wenn nur die Mulden nicht so wehleidig, die sie umgebenden Hautpartien nicht so nachtragend. So aber blieb ihr nichts, als die trotzig Klagenden akkurat in Falten und darüber wie zu Jugendzeiten wieder Rollkragen zu legen.

Ringelegängele

Als ich damals meine Eltern kennen lernte, war mein Vater drei mal so alt wie ich. Ungefähr jedenfalls. Wenn sie nicht wollten, dass ich sie verstand, sprachen sie französisch oder englisch. Meist aber doch glücklicherweise deutsch. Manche Worte hingegen gehörten unserer Familie auch ganz allein und ich werde mich hüten, sie hier preiszugeben. Ringelegängele gehört glücklicherweise nicht dazu.

Sie hatten sich wohl verlaufen, ihr und sein Finger verhakten sich fast auf dem viel zu kleinen Stadtplan, während ihre Füße weitertrippelten, ohne so recht zu wissen wohin. Ich sah ihr Torkeln schon von Ferne und wich bogenförmig aus, nicht aber ohne Fetzen der angeregten Diskussion ans linke Ohr geliefert zu bekommen. Und z’mitts in den Satzfragmenten ganz unverhofft ein Ringelegängele. Von ihr ärgerlich gezischt, von ihm schnaubend vernommen: Ein einziges Ringelegängele, was sie da zusammenliefen.

Im Weiterfahren nuckelte ich mir den Wort-Schatz nochmals aus den Tiefen meines Gehörgangs und stopfte ihn mir beim erneuten Anblick unwillkürlich tief in den Mundraum. Zwischen Zunge und Gaumen entfaltete er sodann, großzügig eingespeichelt und vermittels der Zungenmuskulatur und ein wenig Geschick genießerisch um die eigene Achse gedreht, den verführerischen Geschmack wohltuender Heimaterde. Und zwischen den fruchtbar-feuchten Krumen die Erinnerung alpenbezwingungender Serpentinen, die sich in meine Zahnzwischenräume wand, mir die Mundwinkel unwillkürlich spreizend.

One sip at a time

Noch einzeln lächelten wir über seinen Vertrag von Calvados, der ein Freudscher war, lachten uns jeder einen Brottrunk zum Frühstück. Er vertrug kaum einen Schluck und barg seine hohe Stirn im Anschluss und für den Rest des Tages unter dem vorzugsweise schattenspendenden Schild. Schutz bot es dennoch zu wenig und so erläuterte er maßstabsgetreu die Architektur von Stadt und Intellekt. Die der Emotion ließ er, erfahren in Konversation und ihren Tücken, aus. Die Angst vor der Stille teilten wir da bereits, es unbewusst genießend dem anderen ins Hosenbein zu grinsen.

Durch meine hervorblitzenden Zahnschmelz mutig geworden, wickelte er auch andere meiner Ängste aus, eruierte die Grenzen meines Muts lüstern aber behutsam. Gemeinsam scherzten wir über die perforierten Küstenlinien meines Verstands, kicherten ob der geradezu obszön geformten Ausbuchtung meiner Hoffnung. Sein Mund aus Krähenfüßen schluckte Wahrheiten wie warme Milch mit Honig. Am Liebsten abends, nur vom Mond bezeugt. Gleich Nesseln aber bewegten Nachrichten von Feindseligkeit und Missgunst seinen Speichel noch am Gaumen zur Rückkehr

Mitunter hatte ich Tränen übrig, die wir uns auch dann noch teilten, als das Leben unser Lächeln mittels Hasenscharten entzweite. Ich verschleierte meinen Bizeps noch Jahre danach konsequent bei jeder Konversation mit Geschlechtsgenossinnen, betucht nannte mich keine und zur Gebärdensprache fehlte mir die Verve. Er blieb dem Mond treu und ging nur tagsüber mit Fremden, nachts aber beatmete er weiterhin meine Fußsohlen, besprach mein Rückgrat mit blanchierten Moosgummiperlen. Alleine meiner Rippen Echo blieb schwach und die Morgen danach waren still.

Eines Mittags aber überraschte mich beim traditionellen Serviettenfalten eine Botschaft in Braille. Mondgezeugt, ein Lächeln erwirkend, dass von den Fingerkuppen, über Ellbogen und Schultern erst in die Mulden unterhalb des Halses und dann meinen Rachen empor kroch. Schüchtern die Muskeln am Wegrand erweichend und schließlich meinen Lippen ein Ja abtrotzend. Und einen Schluck Calvados.