Archiv für Juni 2008

Er kam, sah und blieb

Eine ganze Nacht lang und zwei, drei, vier, fünf Pulswärmer darüber hinaus. DIe Sonne schien, als er das Rad aus dem Keller holend mit Spinnweben kämpfte. Auf dem Weg zu ihr blieb die Musik aus, was ihn grämte aber empfänglich machte für das Kompliment in Form einer 67jährigen mit weißem Haar und gelbem Pulli. Was er sich denn dabei denke, jetzt ihren Weg zu kreuzen, wo es doch viel zu spät sei. Schließlich wie alt sei er, 28, 29, also bitte, viel zu spät und dann so attraktiv und mitten auf ihrem Weg – die Welt sei empörend ungerecht! Und überhaupt viel zu spät, da stimme er doch zu und wie er dazu käme.

Er habe sich beeilt, fiel ihm als erstes aus dem Mund und ehe er sich der eigenen Schlagfertigkeit besinnen konnte, war das Rad schon weitergerollt, auf der Suche nach der nächsten roten Ampel rein in die grüne Scherbe, die die zuvor im Schlauch zusammengeferchte Luft zu Atem kommen, ins Sonnenlicht blinzeln ließ. Die restlichen Meter also schob er, das Haupt unter Baumkronen dahin tragend, den Lenker fest in der rechten Hand. Schließlich galt es, auch nächste Nacht zu bleiben, die ganze Woche, den ganzen Sommer und die ersten drei Tage vom Herbst.

Anfall von Saudade

EDIT: Anfall heftig aber ungenutzt verstrichen.
Arm und Gebeine längst auf Urlaub eingestellt, hängt der Kopf noch im Rechner und schaltet und schaltet nicht aus. Ich möchte ein Fußköpfler sein, den Kopf nie über Kniehöhe, pro Zehe ein Scheitel. Der Hunger, mir eben nach syrischer Art aus der Tasche gezerrt, lacht hysterisch, die imaginären Backentaschen mit Pflaumenmus füllend.
Noch ein Rhabarberschorle bitte, halb Eis, halb Wehmut!

Fehl am Platz

Statt eines Rückens Perlenketten. Buntlackierte Dinger, Bauch voraus ans rotwangige Ohr gehängt – Grabräuber aufgepasst, wir winden uns doppelt! als Bordüre um den rauen Durchbruch tragend. Idyll am Rande des Wangenknochens, eigentlich. Der Griff an kühles Holz, statt warmem Bauch erschreckt die Finger, schließt die Augen, öffnet das Eisfach und vergisst es zu schließen.

Schon hat der Neid sich wieder freigefressen, an Zucker und Zorn entlanggehangelt, war, die Perle missachtend, mir ins Ohr geflutscht und hatte von dort binnen Minuten erfolgreich den Verstand lahmgelegt. Der mit der glücklich und die gerade eifrig am Pläne schmieden, die dort voller Momente, die es wert sind Straßen nach ihnen zu benennen und hier einer, der über beide Ohrwipfel strahlt, und dieser hier ein Selbstbewusstsein, das schwindlig macht, und da drüben ein Lächeln, das jedes Wort zur Lächerlichkeit verdammt.

Grauende, fast schwärzende Angst vertreibt die Aussicht auf den nächsten Schritt, stellt Tage mit einer Leichtigkeit in den Schatten, relativiert den Hunger, das leichte Beben. Es bleibt das Staunen, die krampfende Suche nach Halt, es bleibt die Schwerkraft, die den Boden dankbarerweise in erreichbarer Nähe hält, es bleiben lächelnde Lippen und ein Termin bei der örtlichen Hebamme. Es bleibt die To-Do-Liste, die kalten Füße und das Kino im Kopf.