Archiv für September 2009

Im Angesicht der Kunst

Einen Kokon mir weben, innen ganz Kaschmir und außen Wunderkerzenfeuerwerk in Endlos-Schlaufe. Jetzt und sofort. Dabei hatte der Komissar doch bereits im Vorspann ebenso kunstvoll wie vielversprechend mit seiner einzigen Zuschauerin geflirtet, hatte sich dann aber doch bis zum Abspann erfolgreich in Einsamkeit und Karriereabsichten geflüchtet.

Ein Widerspruch weniger, träumte er neulich beim samstäglichen Gladiolen auswählen so vor sich hin, stünde ihr gut zu Gesicht, dafür ein wenig mehr Meinung und kräftigere Farben. Die nachmittägliche Kunst blieb davon unbeeindruckt blass, erschreckend banal und nur in ihren Ausmaßen erschöpfend. Erst der Kaffee danach ließ also Knie und Lächeln weicher werden und drängte den Hunger um die entscheidenden Viertelstündchen in den Hintergrund.

Später dann, Feierabendgesängen jenseits des Alltäglichen lauschend, hören sich ihre Blicke wieder wie damals an: verführerisch unschuldig, zum Verlieben unverfroren und ohne jede Angst. Sein linkes Schulterblatt erinnert sich vor Vorfreude schauernd der ersten Begegnung ihrer Finger mit seiner Haut, dort wo die Haut sich flügelzurückdrängend spannt, dort wo ihrer linken Hand Ring- und Mittelfinger seiner gleichsam zaghaft und forsch habhaft wurden. Dort wo seitdem sein Rückenhaar sichtbar grau.

Die Erotik der Kriminalromane

Es graust diese Willkür, dieses nichts und alles glauben. Herzrasen unter den Achseln, bereits frühs, Fliegengitter vor den Augen, dabei unaufhörlich lächeln wollendes Lippgloss im Abo, an dessen wallartig gewölbten Rändern sich mutierte Pigmenthäufchen ballen. Nach Strich und Faden. Das allseits anmutig inszenierte Blätterieseln vermag nicht darüber hinweg zu täusche, dass es gute Laune nichts als Kollateralschaden, heiteres Gelächter bloß das unter Krämpfen transferierte Nasenscheidewandwimmern. Riss um Riss geradezu entastet, knarzend ächzt derweil das von Muskeln und Sehnenkraft befreite Schulterblatt die einzelne Rippe. Zu oft zu wenig gemacht, mal wieder, und immer auch zu viel.

Sehnsucht nach dem was da Fußsohlen zuverlässig zu durchbluten, Schenkelinneres erröten und Fingerbeeren transpirieren weiß, nach dem blaueren Blau, dem tieferen Bauch, endlich schweigen machen, auslöschen, all das, was denkt und somit zweifelt. Die Stirn also aushebeln, auf dass die ausgewaschenen Auf- und Niederfurchen alsbald verblassen mögen, das seidige Ohrmuschel-Inlet wieder empfänglich machen für Alphorn- und Obertongesänge, das Neonlicht verbannen und mit ihm alles Regel- und Nachschlagewerk, die Mess- und Mörsergefäße samt dem dazugehörigen Vokabular. Großreinemachen aber ist zu vermeiden, allzu viele Narben künden von porentiefen Reinheitsgeboten und Prohibition.

Vielleicht gilt es die Aufmerksamkeit auf das Licht zu lenken, die Wärme der Schatten, Gnade aufzuspüren, und einen Kanten Weiblichkeit. Jedenfalls den Sinn in die Ecke drängen, spielerisch versteht sich, und trotz all dem Schnee in der Luft noch auf Walderdbeerfunde hoffen. Einfach so. Und sich morgen wieder umentscheiden, den Bart mal wachsen lassen und dafür das Lächeln mit Raritätenstatus versehen, die Schulter öfter entblößen und dafür das Wadenbein warm halten. Vielleicht auch mal Pelz tragen, künstlichen, oder aber purpurnes Rot, und darunter nichts als die nackte Haut wenn man sich auf die Suche zurück zum Feuer begibt, ein Pfund Quark in der linken Hand. We’ll see.

Die Raubeinigkeit der Stunden nach 4

Oder: Zur rechten Zeit eine mittelintensive Konversation mit dem Gastroenterologe Ihrer Wahl schafft garantiert Korrelationen jenseits des ausgelatschten 1×1 omnipräsenter Küchenkräuter. Wer ahnt denn schon, dass als die Ursachen des Steakhouse-Syndroms häufig schlecht sitzender Zahnersatz oder ein mangelhaft versorgtes Gebiss gelten? Und wer hat schon auf Anhieb Punkt 7 der Sydneyklassifikation parat, die sogenannte Riesenfaltengastritis? Ja? Ich nicht.

Davon und einiges mehr erfährt der wissensdurstige Mitbürger auch bereits zu einstelliger Uhrzeit, durchaus. Nach 4 aber macht sich bei jenem welchem zusätzlich diese Wellnessdurstigkeit breit, die Fleischgelüste locker und das Wetter schaltet reflexhaft auf Abwesenheit. Dann ist Abstand gefragt, in Quadratlatschen erwanderter, von Maschendraht umzäunter, in Stein gemeißelter. Wo vormittags noch lüsternes Kniescheibenbashing ist feierabends nur mehr blutrünstiges Beruferaten.

Sobald das fragliche Gewebe entnommen und der sorgfältig eingespeichelte Schlauch zusammengerollt, lässt die Betäubung nach, der Schmerz nicht. Der nimmt zu. Je tiefer die Nacht um so wunder der Hals. Da möchte man Serviettenknödel sein, groß und rund;
üppig;
sättigend;
semmelbröselbestäubt in warmer Butter
und hustet sich mit Tränen in den Augen die Seele aus dem Leib.

„Es gibt Menschen unter uns, die in Erfahrungswelten leben, die unsereins niemals betreten kann.“ (John Steinbeck)